Die Angst, dass das Kind den Prozess nicht durchsteht

Langsam realisierte ich, was nun alles auf mein Kind zukommt: Die vielen (kostspieligen) Stunden bei einer Psychologin, die mehrstündige Operation mit den damit verbundenen Schmerzen und Risiken, die vielen Sorgen, das Outing gegenüber der restlichen Familie sowie die organisatorische Herausforderung der Namensänderung.

 


All dies bedrückte mich sehr. Vor allem, weil mir mein Kind sagte, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Das Leben völlig und von Grund auf zu verändern, also den Weg der Geschlechtsanpassung zu gehen, oder Selbstmord zu begehen. Immer wieder kam in mir die Angst hoch, dass mein Kind alles hinschmeißt, auch das Leben. Doch mein Kind war stark. Sehr stark. Ich glaube, die Sehnsucht endlich das zu leben, was es tief in sich spürte, mit allem was dazu gehört, verlieh meinem Kind unendlich viel Kraft.

Angst in Mut und Stärke umwandeln



In diesem Prozess der Wandlung ist es essentiell immer für sein Kind da zu sein, Mut zu machen, zu trösten, gut zuzureden, sein Kind oft in den Arm zu nehmen und ihm mitfühlend zur Seite zu stehen. Ob mir das bestens gelungen ist, kann ich nicht beurteilen. Aber als Mutter möchte man nur das Beste für sein Kind und steht voll und ganz hinter ihm, ganz egal was kommt. Ich wollte, dass mein Kind glücklich ist und frei und unbeschwert leben kann – im falschen Körper zu leben macht das Glücklich sein aber unmöglich! Daher gibt es nur die Möglichkeit der Geschlechtsanpassung.

Ich erinnere mich noch gut daran, als mein Kind nach Innsbruck zog, und ganz glücklich meinte: “Mama, mein Leben fängt jetzt an! “ Ich freute mich unendlich und war überglücklich, aber gleichzeitig auch unendlich traurig. Warum erst jetzt? Dieser Gedanke tat unheimlich weh. Auch heute, nach über 10 Jahren schmerzt es mich noch immer wenn ich daran denke.
Ja, die Angst war da, jedoch kann sie auch umgewandelt werden in Hoffnung, Mut und Stärke. Eine offene und ehrliche Kommunikation zwischen dir und deinem Kind kann viele Ängste lösen und schafft Vertrauen. Sowohl das Urvertrauen, das Vertrauen ins Leben und auch Gottvertrauen! Und das wichtigste: Vertraue deinem Kind! Dein Kind ist stark und liebt das Leben!

Elisabeth Geisler