Zu meinen vielen Ängsten und Sorgen um mein Kind kamen zusätzlich noch massive Schuldgefühle dazu:

Warum habe ich es nicht früher erkannt? Was bin ich nur für eine Mutter, wenn ich die Probleme und Anliegen meines Kindes nicht sehe und wahrnehme? Warum habe ich damals, als mein Sohn im Alter von ca. 4 Jahren begann zu behaupten, dass er ein Mädchen ist, nicht nach professioneller Hilfe und Unterstützung gesucht? War ich zu viel mit meinem eigenen Leben beschäftigt? Ich begann meine Fähigkeiten als Mutter in Frage zu stellen.

Im zweiten Kindergartenjahr meines Kindes hatte ich mit der Kindergartenpädagogin ein Gespräch, worauf sie meinen Mann und mich nach Innsbruck zu einer Psychologin schickte. Leider war diese alles andere als hilfreich. Wir hatten erwartet, Tipps zu bekommen wie wir mit unserem Sohn umgehen sollten. Stattdessen wollte die Psychologin von uns wissen, wie wir mit der Situation umgehen, wie wir uns verhalten, wie wir die Situation sehen. Sie erwähnte kein einziges Mal, dass unser Kind vielleicht ein Transgender-Kind sein könnte. Mein Mann und ich waren sehr enttäuscht, und haben daraufhin auch keinen weiteren Termin vereinbart. Das war vor ca. 25 Jahren. Inzwischen hat sich auf diesem Gebiet viel getan. Ich denke, die Psychologin war mit Thema der Transidentität noch gar nicht vertraut.

In der Volks- und Hauptschulzeit gab es, außer dass mein Kind sich lieber mit Mädchen anfreundete, keine gravierenden Vorkommnisse. Von den vielen verbalen Verletzungen denen mein Kind ausgesetzt war, erfuhr ich erst viel später. Dazu mehr in einem anderen Blog-Artikel.

In späteren Gesprächen erzählte mir mein Kind: „Ich habe sehr früh gemerkt dass ich anders bin. Ich dachte manchmal, ich bin nicht normal. Dann habe ich begonnen, mich anzupassen und mein wahres Ich zu verstecken.“ Zu meinen Schuldgefühlen meinte sie: „Was wäre gewesen, wenn wir die Transidentität früher erkannt hätten? Ihr hättet als Eltern womöglich eine Entscheidung treffen müssen, die ihr gar nicht treffen hättet können. So durfte ich selber die für mich richtigen Entscheidungen treffen, und mein Leben selbst in die Hand nehmen.“

Mein Kind versicherte mir, dass ich keine Schuldgefühle haben muss. Und dennoch versuchen diese Gefühle auch heute noch manchmal in mir Raum zu nehmen. Doch dann erinnere ich mich an das Gespräch mit meinem Kind und an die Zeit nach dem Outing. Da versuchte ich mein Kind so gut es ging zu begleiten und zu unterstützen. Vielleicht hätte ich manches besser machen können, aber so gut es mir damals möglich war, tat ich mein Bestes. Eines hängt mir aber noch sehr nach: Als mein Kind operiert wurde, war ich an diesem Tag nicht bei ihm. Ich besuchte ein Ausbildungsseminar. Mein Mann und seine Mutter besuchten es alleine. Obwohl mir mein Mann erzählte, dass unser Kind wegen der Operationsstrapazen wenig ansprechbar war und es die meiste Zeit schlief, quält es mich noch heute.

Fazit: Schuldgefühle sind da, tauchen mal mehr, mal weniger heftig auf. Aber mit der Zeit erdrücken sie einen nicht mehr so sehr. Es ist ganz wichtig, sich selber zu verzeihen.

Elisabeth Geisler, 4.05.2019